Jagoda Lessel - Über meine Kunst - verfaßt von Dr. Michaela Preiner
Die Faszination der Malerei

Dem Menschen scheint ein unstillbares Verlangen nach künstlerischem Ausdruck innezuwohnen. Die frühesten, bildlichen Überlieferungen sind 30.000 - 40.000 Jahre alt. Was darauf zu sehen ist, ähnelt stilistisch zuweilen verblüffend Kunstrichtungen, die im 20. Jahrhundert entwickelt wurden. Menschliche, aber auch tierische, abstrahierte Gestalten, die damals wie heute als solche identifiziert werden und - in der Fachsprache der Kunsthistoriker - “gelesen” werden können.

Von ihrem sozialen Kontext her wurde die Malerei Über die Jahrhunderte unterschiedlich eingesetzt. Waren es ursprünglich, wie man annimmt, rituelle Gründe, um Tiere und Menschen in Höhlenmalereien abzubilden, entwickelte sich vor allem mit Aufkommen der Perspektive die bildende Kunst hin zu einer deskriptiven, also beschreibenden. Was nicht verwundert, denn sie war die einzige Möglichkeit, Vergehendes wie den Menschen und die Natur optisch zu bannen und für die Nachwelt zu erhalten. Mit der Erfindung des Fotoapparates im 19. Jahrhundert jedoch veränderte sich das Verständnis von Kunst grundlegend. Das Außen, das mithilfe der optischen Linse und der Belichtung eines Filmes wesentlich naturgetreuer abgebildet werden konnte als dies jede noch so realistische Malerei vermochte, war innerhalb weniger Jahre nicht mehr das, was es lohnte, auf die Leinwand gebannt zu werden. So blieb den Künstlerinnen und Künstlern zwangsläufig nichts anderes übrig, als ihr Inneres zu erkunden und dies farbig zum Ausdruck zu bringen.
Dieser kleine kunsthistorische Exkurs möge helfen, Jagoda Lessels Kunstauffassung besser zu verstehen. Sie agiert mit ihrem künstlerischen Ausdruck zwischen dem Spannungsverhältnis einer deskriptiven Malerei, die es seit Jahrtausenden gibt und einer, die das Innere von Kunstschaffenden veranschaulichen möchte. Ihre Bilder sind bei Weitem keine abstrakten Gemälde ohne lesbare Inhalte. Wenngleich das eine oder andere sich beim genaueren Hinsehen auch erst auf den zweiten Blick eröffnet. An der Grenze zwischen Abstraktion und konkreter Darstellung nehmen ihre Werke eine Vermittlerrolle ein. Sie fungieren als Vehikel einer Transkription von persönlich Erlebtem, individuell Erschautem und ebenso einzigartig Gefühltem. Auf diese Weise erzählen Lessels Bilder nicht nur von Ereignissen, sondern geben vor allem vorrangig Aufschluss über deren Verarbeitung, die in der Künstlerin selbst stattfindet.
Als Krankenschwester und später als Physiotherapeutin arbeitete Lessel bis zu ihrer Pensionierung im AKH in Wien. In Berufen also, in welchen sie tagein, tagaus mit Menschen zu tun hatte. Das erklärt gut ihren sehr direkten und offenen Umgang mit Personen im Allgemeinen. Nicht nur mit jenen, die sie näher kennt, sondern auch mit solchen, die nur flüchtig ihren Lebensweg streifen. Ihre offene Art zu kommunizieren beeindruckt heute vielfach die jüngeren Generationen, die es gewohnt sind, sich im Austausch mit anderen hinter den Displays ihrer Handys oder hinter ihren Computerbildschirmen zu verstecken. Jagoda Lessels Menschenzugang ist ein ganz anderer. Dabei hilft ihr wohl auch die Neugierde, ganz im Sinne einer positiven Anteilnahme an den anderen, die es ihr leicht macht, ins Gespräch zu kommen.
Kreative Menschen wie sie verwenden ihre Energie jedoch auch darauf, ihre persönlichen, tiefenpsychologischen Strickmuster in irgendeiner Art und Weise den anderen zu vermitteln. Sei es durch Musik, durch Tanzen, sei es durch Schreiben oder auch durch einen bildnerischen Ausdruck, wie in ihrem Falle die Malerei. Schon früh bemerkte die Künstlerin, dass es ihr leicht viel, Farben ästhetisch zu kombinieren und so war der Schritt hin zur Malerei für sie ein logischer. Mit Farbe und Pinsel auszudrücken, was sie erlebt, erfühlt und erschaut hat, ist für sie jedoch nicht nur ein Hobby. Es ist mittlerweile über die Jahrzehnte hinweg zu einem unabdingbaren Ausdrucksmittel ihrer Psyche geworden. Einem Ausdrucksmittel, mit dem sie zuallererst ihre Kreativität zum Ausdruck bringt, um dann erst im zweiten Schritt die so entstandenen Bilder als Kommunikationsmittel einzusetzen. Dabei hilft ihr ihr Stil, in welchem sich die Betrachtenden ganz nach eigener Intuition zurechtfinden können. Hier ein Mensch, da ein Tier, hier eine Pflanze, da eine ganze Landschaft - immer wieder sind es Versatzstücke unserer uns real umgebenden Welt, die in ihren Bildern zu entdecken sind. Gerade aber nur so viel, dass sie einen Interpretationsspielraum eröffnen, der ganz persönlich genutzt werden kann.

Das Arbeiten in Werkgruppen kennzeichnet das Oeuvre vieler Künstlerinnen und Künstler. Verfolgen kann man das, seit es Aufzeichnungen über sie gibt. Dieser Arbeitsstil mag damit zusammenhängen, dass ein einmal gefundenes Motiv oder eine Idee zuallererst gestalterisch ausprobiert wird, um danach so lange verwandelt und ausgereizt zu werden, bis sich die Inspiration dazu erschöpft hat. Auch Jagoda Lessel geht diesen Weg. Dabei entstand beispielsweise ein Zyklus über das Thema des Kreuzes, einer, der die 12 Monate des Jahres untersucht oder ein anderer, in dem das Blau des Wassers eine bestimmende Rolle spielt. Es gibt deren noch mehrere, die daran zu erkennen sind, dass die Malerin in ihnen allen versuchte, ihren Stil leicht zu verändern, ohne jedoch die eigene, künstlerische Handschrift dabei zu verlieren.
Diese besteht zum einen daraus, eine Vielfalt an Farben auf den Gemälden zu verwenden, wenngleich diese Farben jeweils eine innere Kohärenz zueinander aufweisen. Zum anderen ist es das immer wiederkehrende, stilistische Element aneinander gereihter, sich abwechselnder Farbflächen, das sich durch ihr gesamtes Schaffen zieht. Einmal werden diese mit schwarzen Linien, sehr graphisch aufgefasst, klar voneinander getrennt. Ein anderes Mal lässt sie die Übergänge, wesentlich weicher gestaltet, malerisch ineinanderfließen. Bei all ihren Bildern ist jedoch eine verdichtete Konzentration zu erkennen. Nicht unbedingt immer in der Bildmitte, dennoch aber von dem Phänomen begleitet, um diese Verdichtung herum ein Aufhellen der Strukturen, eine Verflüchtigung der Materie anzutreffen.
Lässt man sich auf diese Betrachtungsweise näher ein und überblickt nebeneinander einige ihrer Werke, wird klar, dass es sich dabei um den intuitiven Ausdruck eines höchst organischen, menschlichen Zustandes handelt. Weitest gefasst könnte man es als Aufeinandertreffen lebendiger Materie beschreiben. Wollte man sich bestimmter festlegen, so dürfte man getrost von Ballungen menschlicher Wesen oder auch pulsierender Energie sprechen. Damit schließt sich der eingangs angedeutete Weg, Erlebtes malerisch zu verarbeiten. Denn das, was Jagoda Lessel letztlich in ihren Bildern ausdrückt, ist die Beobachtung und die Erfahrung mit dem, was ihr am nächsten steht: dem Menschen. Dank ihrer Faszination an der Malerei und nicht zuletzt an ihrer Begabung und ihrem Gestaltungswillen gelingt es ihr, diese Erfahrungen mit jenen zu teilen, die offen genug sind, sich auf ihre Bilder einzulassen. Die Augen haben, um zu sehen, ein Herz haben, um zu spüren und eine Seele, um das anzunehmen, wovon Jagoda Lessel im Überfluss zu haben scheint: Eine positive Sicht auf die Menschen, welche die Welt in den buntesten Farben widergibt, die ihre Palette imstande ist, zur Verfügung zu stellen.

Dr. Michaela Preiner